Stegreif-Rede

Die Stegreif-Rede: Wie Sie jederzeit über jedes Thema reden können

von Argumentorik, 9. Mai 2019

Stellen Sie sich vor, Sie sind auf der Hochzeit eines Freundes. Dort kommen Sie mit einer sehr attraktiven Person ins Gespräch. Sie erzählen, dass Sie sich derzeit im öffentlichen Reden weiterbilden. Kurzerhand werden Sie von Ihrem/r Gesprächspartner/in herausgefordert, eine Rede zu halten – und zwar über die Ehe. Sie haben keine Zeit, sich vorzubereiten. Ihre neue Bekanntschaft schaut Sie neckisch und erwartungsvoll an. Sie wollen sie auf keinen Fall enttäuschen.

Was können Sie tun?

3 Tipps, wie Sie Ihre Stegreif-Rede beginnen können.

Mein erster Ratschlag: Stürzen Sie sich nicht Hals über Kopf in das Thema. Versuchen Sie stattdessen, etwas Zeit zu gewinnen – um sich zu sammeln und zu überlegen, was Sie sagen könnten Das kann Ihnen gelingen, indem Sie zunächst auf die folgenden 3 Fragen eingehen:

1. Was ist der Auftrag?

Hören Sie genau hin, wenn Sie zur Stegreif-Rede aufgefordert werden. Oft steckt in der Aufforderung schon ein Anhaltspunkt, an dem Sie Ihre Rede aufhängen können. Zum Beispiel ist der Auftrag:

„Reden Sie doch mal ein bisschen über die Ehe.“

Das lädt Sie ein, zu sagen: „Man kann doch nicht eben mal ein bisschen über die Ehe reden. Die Ehe ist eine wichtige und komplexe Angelegenheit. Lassen Sie mich erklären, warum …“ Bevor Sie in das eigentliche Thema einsteigen, gehen Sie auf die Aufforderung ein. Nehmen Sie Ihren Gegenüber ruhig wörtlich und mit ein bisschen Humor. Argumentieren Sie beispielsweise, dass das Thema, über das Sie sprechen, wichtiger und komplexer ist, als Ihr Gegenüber zugeben will. Das bietet sich fast immer an und hat einen interessanten Nebeneffekt. Sie geben Ihrem Thema von Anfang Relevanz und wecken damit das Interesse Ihres Publikums.

Hinweis: Um genau hinzuhören, ist die Fähigkeit des “Aktiven Zuhörens” sehr hilfreich. Schauen Sie sich dazu dieses Video an:

2. Woher kommt mir das Thema bekannt vor?

Ein Thema für eine Stegreif-Rede ergibt sich meist nicht zufällig, sondern steht irgendwie in Verbindung mit Ihnen und dem Herausforderer. Deshalb kann es hilfreich sein, sich am Anfang zu fragen: Was hat dieses Thema mit mir/uns zu tun? Gibt es ein Erlebnis, das ich sofort mit dem Thema verbinde? Welche Anekdoten fallen mir zu dem Thema ein? Gibt es vielleicht gerade in diesem Raum etwas, was ich mit dem Thema verbinden kann?

Wenn Sie diesen Kontaktpunkt finden, haben Sie einen idealen Aufhänger für Ihre Rede.

Einige beispielhafte Formulierungen:

– “Wenn ich an die Ehe denken, dann denke ich vor Allem an …”

– “Vergangenes Jahr gab es ja wieder eine Hochzeit im britischen Königshaus …”

– “Die Ehe ist doch so ein Thema, bei dem man sich immer freut, single zu sein …”

– “Zum Thema Ehe fällt mir gleich eine Geschichte ein …”

3. Worüber werde ich erzählen?

Darauf können Sie immer zurückgreifen: Eine Gliederung. Sie kündigen an, worüber Sie reden werden. Sobald Sie also Ihre einleitenden Worte gesprochen haben oder Ihnen nichts mehr einfällt, präsentieren Sie Ihre Gliederung. Damit gewinnen Sie Zeit, organisieren das Thema in Ihrem Kopf und wirken gleichzeitig verdammt professionell. Zum Thema Ehe könnte Ihre Gliederung folgendermaßen aussehen: „Zunächst werde ich definieren, was wir unter der Ehe verstehen. Dann erzähle ich Ihnen über die Bedeutung der Ehe in unserer Gesellschaft. Zuletzt werde ich diskutieren, was kritische Stimmen über die Ehe sagen.“

Schon liegt Ihre Rede ausgebreitet vor Ihnen. Jetzt können Sie sich von einem Gliederungspunkt zum nächsten arbeiten.

Und wie kommen Sie auf Ihre Gliederungspunkte? Keine Sorge! Es gibt einige Standard-Themen, die Sie fast immer in Ihrer Rede einbauen können.

Zwei Sätze, die sitzen sollten

Was immer Sie sagen, beachten Sie die goldene Regel: Der erste und letzte Satz muss sitzen. Nach dem ersten Satz entscheiden sich Ihrer Zuhörer bereits, ob sie Sie ernst nehmen – ob Sie ein Profi oder ein Amateur sind. “Ähm, ja… also das ist so… ” ist das Schlechteste, was Sie für Ihre Glaubwürdigkeit als Redner tun können. Bevor Sie in Ihre Rede stolpern, nehmen Sie sich lieber noch einen Moment Zeit. Formulieren Sie in Gedanken einen ausdrucksstarken ersten Satz. Wenn Sie dann sicher sind, dass Sie die Aufmerksamkeit Ihrer Zuhörer haben und bereit sind abzuliefern, legen Sie los. Sie sagen Ihren ersten Satz. Lassen ihn wirken. Reden dann weiter.

Genauso wichtig ist Ihr letzter Satz. Er entscheidet, wie Ihrer Zuhörer die Rede im Gedächtnis behalten – unstrukturiert und durcheinander oder klar und überzeugend. Im Normalfall haben Sie nicht die Möglichkeit, Ihren letzten Satz bereits vorher zu formulieren. Deshalb ist es wichtig, ein Gespür dafür zu bekommen, wo ein gutes Ende liegt. Drei Gelegenheiten eignen sich meistens:

– Sie finden einen Bezug zum Anfang. Der letzte Satz schließt den Kreis zu Ihrem ersten Satz.

– Sie stellen eine offene Frage. Damit regen Sie zum nachdenken an. Die Antwort muss jeder für sich selbst finden.

– Sie stellen eine Forderung. Sie sagen dem Publikum, was es nun zu tun oder zu lassen hat.

4 Themen, die Sie in jedem Fall eloquent wirken lassen

1. Definition

Definitionen werden grob unterschätzt. In einer Stegreif-Rede ist die Definition immer ein paar Sätze wert. Beantworten Sie einfach die Frage: Was bedeutet Ehe eigentlich? Damit beugen Sie nicht nur Missverständnissen vor. Sie wirken als Redner außerdem sehr reflektiert und geben sich gleichzeitig noch einmal die Gelegenheit, über das Thema nachzudenken.

Glauben Sie mir: Kein Thema ist zu banal für eine Definition. Selbst wenn Sie eine Rede über Bananen halten, können Sie mit einer Definition lebhaft in das Thema einsteigen. Vergessen Sie dabei nur nicht Ihren Humor!

2. Warum Ihr Thema wichtig ist

Es kann nie schaden, noch einmal zu betonen, welche Bedeutung Ihr Thema hat. Warum sollte Ihnen die Anwesenden sonst zuhören?

Ob Sie nun über die Ehe oder über Bananen reden, beides hat einen festen Platz in unserer Gesellschaft. Fragen Sie sich also: Welche Rolle spielt Ihr Thema in unserer Gesellschaft? Und warum muss darüber gesprochen werden?

3. Der kritische Blick

Nicht nur, dass es erwiesenermaßen überzeugender wirkt, wenn Sie auch einen kritischen Punkt zu Ihrem Thema anmerken können. Gleichzeitig gibt es einfach zu jedem Thema auch eine Kehrseite. Das ist gefundenes Fressen für Sie!

Fragen Sie sich: Welche Probleme ergeben sich aus der Ehe oder dem Bananen-Konsum für die betroffenen Individuen oder unsere gesamte Gesellschaft? Sollte nicht zu schwer sein, oder?

Aber Achtung! Von einer Sache raten wir Ihnen ab: In Ihrer Stegreifrede eine starke Meinung zu vertreten. Besonders die kritische Betrachtung eines Themas kann Sie dazu verleiten, eine Stellung zu beziehen und vorschnell zu urteilen. Glauben Sie mir, ich kenne das Risiko: Unter dem Einfluss von Adrenalin und dem festen Vorhaben, etwas schlaues zu sagen – passiert Ihnen schnell das Gegenteil. Sie stellen eine leere Behauptung auf, die auf den ersten Blick übertrieben, auf den zweiten Blick haltlos erscheint.

Stattdessen lautet unsere Empfehlung: Wägen Sie ab. Stellen Sie sowohl positive, als auch kritische Aspekte heraus. Dosieren Sie Ihren Sarkasmus – sparen Sie ihn für Themen, bei denen Sie sich wirklich auskennen.

4. Eigene Erfahrung

Zu guter Letzt können Sie auch eine Erfahrung aus Ihrem Leben teilen. Das lässt Sie als Redner automatisch persönlicher und damit sympathischer wirken. Erzählen Sie eine kleine Geschichte aus Ihrer Vergangenheit. Zum Beispiel: Haben Sie persönlich schon einmal darüber nachgedacht, zu heiraten?

Sie können dabei gleichzeitig erläutern, warum das Thema für Sie so wichtig ist und damit die Brücke zum 2. Gliederungspunkt schlagen.

Und was, wenn Sie nicht mehr weiterwissen? Öffnen Sie die vierte Wand.

Die Redewendung stammt aus dem Theater und bedeutet, dass der Schauspieler sich direkt an das Publikum wendet. Diese Option steht auch Ihnen, als Redner, offen. Stellen Sie eine Frage an Ihre Zuhörer. Dabei bieten sich Ihnen mehrere Möglichkeiten:

(1) Sie stellen eine einfache „Ja-Nein-Frage“ und fordern Ihre Zuschauer auf, sich zu melden. Zum Beispiel: „Wer von Ihnen ist verheiratet?“

(2) Sie stellen eine inhaltliche Frage – am Besten im Anschluss an die Ja-Nein-Frage, adressiert an alle Ja-Sager: „Wie haben Sie damals um die Hand Ihrer Partnerin angehalten?“

(3) Sie machen eine Abstimmung. Wieder mit Handzeichen, nur dass es jetzt darum geht, eine Meinung zu vertreten. „Wer von Ihnen stimmt mir zu, von allen Früchten schmecken Bananen am besten?“

Fassen Sie zusammen.

Irgendwann sind Sie dann an einem Punkt angelangt, an dem Sie Ihre Rede beenden wollen. Das geht ganz einfach: Nennen Sie noch einmal alle Themen, über die Sie gesprochen haben.

Ja richtig, Sie wiederholen einfach noch einmal Ihre Gliederung. Seit dem Kommunikationsexperten Dale Carnegie ist diese Struktur bekannt als die Regel der Drei: Jeder Gliederungspunkt wird einmal angekündigt, dann ausgeführt und noch einmal abschließend genannt.

Worüber habe ich heute geredet?

Sie wissen jetzt, wie Sie Ihre Stegreif-Rede beginnen, um Zeit zu gewinnen. Sie kennen 4 Themen, über die Sie immer reden können. Und auch für den Notfall haben Sie einen Plan: Sie stellen eine Frage ans Publikum. Also: keine Angst – Stegreif-Reden können Spaß machen!

Für weitere Tipps zu Schlagfertigkeit sei Ihnen an dieser Stelle der Online-Kurs „Schlagfertigkeit: Die 10 besten Schlagfertigkeitstechniken“ empfohlen. Denn auch die Schlagfertigkeit trainieren hilft Ihnen, Stegreif-Reden zu meistern!

Autor: Johannes Stark

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