Frei Reden ohne Skript: 3 Techniken

von Argumentorik, 18. Mai 2019

Könnten Sie 7 Minuten lang reden – ohne Skript, PowerPoint oder irgendeine Aufzeichnung?

Natürlich wirken Sie selbstsicher und kompetent, wenn Sie keine Hilfsmittel zur Präsentation benötigen. Gleichzeitig haben Sie beide Hände frei, um Ihre Inhalte mit wirkungsvoller Gestik zu untermalen. Vor Allem aber können Sie ununterbrochen Blickkontakt zu Ihrem Publikum halten und dadurch eine echte Verbindung zu diesem aufbauen.

Mit den folgenden drei psychologischen Techniken wird auch Ihnen das Reden ohne Skript gelingen:

1. Strukturiert statt Spontan

Wenn erfahrene Redner frei vortragen, wirkt es manchmal, als redeten sie ganz spontan über das, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Sie scheinen sich vollkommen von ihrer Intuition leiten zu lassen.

Natürlich trügt dieser Schein: Ein erfahrener Redner ist im Normalfall bestens auf seinen Vortrag vorbereitet und hat jeden noch so kleinen Witz geplant.

Das wiederum ist gar kein Hexenwerk. Psychologische Studien lassen keinen Zweifel daran, dass sich Menschen Vorträge von 10 bis 15 Minuten locker merken können.

Zwei Tricks von Rhetorik-Profis – Trick 1: Die Vortrags-Skizze

Die meisten Menschen merken sich Inhalte leichter, die eine klare Struktur haben.

Unterteilen Sie Ihre Präsentation in einzelne Gliederungspunkte und diese wiederum in Unterthemen. Dann arbeiten Sie eines nach dem anderen ab.

Woran erkennen Sie, dass Ihr Vortrag eine gute Struktur hat? Ganz einfach: Sie sind in der Lage, Ihre Präsentation in einer einfachen Skizze darzustellen. Ein Din-A4 Blatt, eine Grafik aus ein paar Kästchen und Striche, das muss reichen.

Achtung! Der Umstand, dass Sie eine klare Struktur verfolgen, setzt nicht voraus, dass Sie diese Struktur auch ausdrücklich erwähnen. Es reicht vollkommen, dass Sie sich selbst Ihrer Struktur bewusst sind, um sich von ihr durch den Vortrag leiten zu lassen.

Eine strukturierte Vorbereitung erleichtert es Ihnen nicht nur, sich Ihren Vortrag zu merken. Sie reduzieren gleichzeitig Ihre Unsicherheit und das Risiko, im Eifer einen wichtigen Punkt zu vergessen.

Zwei Tricks vom Rhetorik-Profi – Trick 2: Kopfkino

Was sich die meisten Menschen ebenfalls ausgesprochen gut merken können, sind Bilder.

So sachlich Ihre Präsentation auch sein mag – versuchen Sie zu Ihren verschiedenen Themenblöcken Bilder zu erschaffen.

Aus dem Gliederungspunkt “Kosten” wird dann eine “Kasse”, die mit einem lauten Klingen aufspringt. Das Kapitel “Nachhaltigkeit” merken Sie sich mit einem “Recycling-Siegel” auf einer PET Flasche. Und aus dem Themenblock “Nutzerfreundlichkeit” wird in Ihrer Vorstellung ein User, der sein Gerät aus Wut über die komplizierte Anwendung an die Wand wirft.

Es gilt dabei, wie oben: Sie können die Bilder in Ihren Vortrag einbauen oder sie einfach als Merkhilfe für sich behalten.

2. Erleben statt auswendig lernen

Viele Menschen glauben, es genüge, einen Text nur oft genug durchzulesen, um ihn auswendig zu können. Sie drucken sich Ihre Rede aus, lesen Sie 10-mal vor dem Einschlafen und 10-mal auf dem Weg zum Vortrag. Der Effekt: Minimal. Sie haben kaum etwas von dem Text behalten.

Psychologische Studien bestätigen immer wieder, dass das reine Widerholen von Texten unser Gedächtnis nicht anregt. Das kennen Sie doch sicher noch vom Vokalbellernen in der Schule: Durchlesen bringt nichts.

Vielleicht haben Sie aber auch schon die Erfahrung gemacht, wie schnell Sie eine fremde Sprache lernen, wenn Sie sich in dem entsprechenden Land befinden, in dem diese gesprochen wird. Die Sprache wird dann zum Erlebnis – Sie lernen sie fast automatisch.

So ist es auch beim Vortrag. Anstatt diesen als Textdokument immer wieder zu überfliegen, könnten Sie versuchen, Ihre Präsentation wirklich zu erleben. Begeben Sie sich in die Vortragssituation: Stellen Sie sich von Ihren Spiegel und sprechen Sie laut zu einem imaginären Publikum. Spielen Sie den Vortrag mindestens zwei Mal nach und vermeiden Sie dabei mutig den Blick auf Ihr Skript.

Auf diese Weise verinnerlichen Sie Ihren Vortrag viel schneller.

Ein Trick vom Rhetorik-Profi:

Versuchen Sie sich bestmöglich in die Vortragssituation hineinversetzten.

– Sprechen Sie aufrecht – im Stehen, nicht im Sitzen.

– Sprechen Sie laut – mit Betonungen und Pausen.

– Vor Ihrem inneren Auge haben Sie den Raum und das Publikum.

– Wenn Sie wollen, können Sie bereits die Kleidung tragen, die Sie während des Vortrags tragen wollen.

Wenn der Moment dann gekommen ist und Sie Ihren Vortrag halten dürfen, wird sich die Situation für Sie bereits ein bisschen vertraut anfühlen. Sehr wahrscheinlich, dass Sie dadurch ruhiger sind und Sie auch Ihren Text besser präsent haben.

3. Emotional statt Einfach

Haben Sie auch die Versuchung, einen Vortrag, den Sie ohne Skript halten sollen, möglichst einfach zu gestalten? Sie wollen Daten und Fakten präsentieren und möglichst schnell fertig werden? Damit machen Sie es sich selbst unnötig schwer!

Nicht Daten und Fakten, sondern Emotionen regen unser Gedächtnis an. Alles, was Sie aufregt und in eine besondere Stimmung versetzt, merken Sie sich sofort. Ein Trick für Ihren Vortrag ist es also, emotionale Momente als Eckpfeilern für Ihr Gedächtnis in Ihrem Vortrag zu verteilen.

Was meine ich mit „emotionalen Momenten“? Emotionen werden ausgelöst, wann immer Sie eine Geschichte erzählen. Das kann eine kurze Anekdote sein, ein persönliches Erlebnis oder ein Witz. Wenn Sie solche Geschichten in Ihren Vortrag streuen – als Einleitung, Überleitung oder Beispiel – schaffen Sie emotionale Momente.

Drei Beispiele für Geschichten:

1. Die persönliche Erfahrung: Erzählen Sie eine Situation, die Sie selbst erlebt haben. Dabei beginnen Sie beispielsweise mit: “Letztens war ich erst …”

2. Die Magnet-Geschichte: Beschreiben Sie eine Situation, die jeder schon einmal erlebt hat. Ganz nach dem Motto: “Kennen Sie das …?” Solche Geschichten wirken wie Magnete, die die Vorstellungskraft der Zuschauer an Ihr Thema bindet.

3. Der Vergleich: Ziehen Sie Parallelen zwischen Ihrem Inhalt und einem ganz anderen Thema. Beispielsweise: “Diese neue Produktlinie ist wie eine Spielwiese, auf der wir unsere Ideen ausprobieren können.”

Der Vorteil: Ihr Vortrag bleibt nicht nur Ihnen leicht in Erinnerung, sondern auch Ihrem Publikum.

Hinweis: Bevor es mit dem Artikel weiter geht, schauen Sie sich folgendes Video zum Thema “Storytelling” an:

Was machen Sie im Notfall?

Mein Eindruck ist: Viele Menschen könnten Ihren Vortrag problemlos ohne Skript halten. Trotzdem trauen sie sich nicht, ohne Karteikarten oder PowerPoint vors Publikum zu treten. Sie fürchten den unwahrscheinlichen Fall, dass sie plötzlich den Faden verlieren und alles vergessen. Karteikarten und PowerPoint sind dann hauptsächlich dafür da, diese Angst zu bewältigen.

Aber Sie brauchen diese Hilfsmittel nicht – denn Sie haben sogar für den Notfall einen Plan. Folgende 3 Strategien können Sie immer anwenden:

1. Wiederholen Sie, was Sie eben gesagt haben. Betonen Sie noch einmal, was Ihnen dabei besonders wichtig ist.

2. Stellen Sie eine Frage an das Publikum. Fragen Sie nach einer Meinung oder nach persönlichen Erfahrungen. Das verschafft Ihnen Zeit, über Ihren nächsten Punkt nachzudenken.

3. Fahren Sie fort mit dem nächsten Punkt, der Ihnen in den Sinn kommt, auch wenn Sie wissen, dass Sie einen geplanten Teil auslassen. Bevor Sie den neuen Punkt beginnen, machen Sie deutlich, dass Sie das aktuelle Thema im Anschluss noch vertiefen oder in die Diskussion geben wollen. Damit halten Sie sich die Möglichkeit offen, später Ergänzungen vorzunehmen.

Grundsätzlich gilt: Haben Sie keine Angst davor, etwas zu vergessen. In den meisten Fällen bemerkt das sowieso keiner, da ja das Publikum Ihren Vortrag nicht kennt. Sollte doch jemandem eine Unvollständigkeit auffallen, wird er sie Ihnen verzeihen können. Denn eines steht fest: Die überzeugende Wirkung eines freien Vortrags ist meist wichtiger, als ein 100% vollständiger Inhalt.

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Autor: Johannes Stark

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