Schluss mit leeren Behauptungen

Schluss mit leeren Behauptungen: So überzeugen Sie argumentativ

von Argumentorik, 10. April 2019

Das könnte Dich auch interessieren: Folge 53 aus dem Podcast “MENSCHEN ÜBERZEUGEN
 

Wir leben im post-faktischen Zeitalter: Die meisten Menschen glauben alles, was man ihnen sagt, ohne zu reflektieren, ob das überhaupt stimmt.

Diese Phrase haben wir doch alle schon mal gehört, oder? Und was meinen Sie? Ist diese Aussage wahr?

Eine einfache Antwort: Die Behauptung, wie ich sie einleitend formuliert habe, kann sowohl zutreffend, als auch falsch sein. Wir können über ihren Wahrheitsgehalt nichts sagen, solange wir keine Argumente gehört haben, die entweder dafür oder dagegen sprechen. Vielleicht leben wir im post-faktischen Zeitalter. Vielleicht aber auch nicht.

Erkennen Sie den Unterschied zwischen einer Behauptung und einem Argument?

Hinweis: Bevor wir auf diese Frage zurückkommen, schauen Sie sich folgendes Video über die beiden Möglichkeiten, Menschen zu überzeugen, an:

Podcast “MENSCHEN ÜBERZEUGEN”:
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Behauptungen und weitere Begriffe

Vorab eine kurze Begriffsklärung:

– Eine Aussage: ein Satz oder Satzteil mit einem bestimmten Inhalt. Zum Beispiel: „Schön!“ oder „Das finde ich schön.“

– Eine Behauptung: Eine Aussage mit Wahrheitsanspruch, ohne Begründung. Zum Beispiel: „Bar Refaeli ist schön.“

– Eine Hypothese: Eine Aussage, deren Wahrheitsanspruch wissenschaftlich überprüft werden kann. Zum Beispiel: “Auf einer Schönheitsskala von 1 bis 10 erreicht Bar Refaeli mindestens eine 9.” 

– Eine Theorie: Eine Reihe zusammenhängender wissenschaftlicher Aussagen. Zum Beispiel: “Menschen, die wir mögen, finden wir schöner.”

– Ein Indiz: Eine Beobachtung, die den Wahrheitsanspruch der Behauptung bestätigt. Zum Beispiel: “Bar Refaeli gewinnt einen Schönheitswettbewerb.”

– Ein Argument: Eine logische Folge von Aussagen, die den Wahrheitsanspruch einer Behauptung plausibel macht. Zum Beispiel: “Bar Refaeli ist schön, weil … ”

Behauptung – Begründung – Beispiel

Kommen wir noch einmal zurück auf den Unterschied zwischen Behauptung und Argument.

Betrachten wir als Beispiel die Behauptung von oben:

Bar Refaeli ist schön.

Ob meine Behauptung nun stimmt oder nicht, erschließt sich aus der Aussage nicht. Ich kann jedoch logisch erklären, warum meine Behauptung höchst wahrscheinlich wahr ist. Das nennt man dann ein Argument.

Argumentieren bedeutet: Sie stellen eine Behauptung auf. Dann begründen Sie logisch, warum Ihre Behauptung wahr ist, und untermauern Ihre Schlussfolgerung mit Beweisen.

Vereinfacht dargestellt, spricht man von den 3 B’s:

Behauptung => Begründung => Beispiel

Welche Begründung kann ich also für meine Behauptung anführen?

Ich könnte erklären, dass Bar Refaeli schön ist, weil viele Menschen sie schön finden. Ein Beweis dafür wäre, dass Bar Refaeli in den Medien mit Schönheit und Ästhetik assoziiert wird, dass Sie populäre Schönheitswettbewerbe gewonnen hat und als Model arbeitet. Damit ist klar: was auch immer es bedeutet, schön zu sein, scheint es relativ wahrscheinlich, dass Bar Refaeli diese Eigenschaft besitzt.

Sie haben das Prinzip verstanden. Betrachten wir nun den Aufbau überzeugender Argumente noch etwas genauer.

Hinweis: Du möchtest mehr zu Argumentation erfahren? Dann schau Dir die eine Beispiel-Argumentation aus der Video-Lektion “Sofort-Demokratie sollte eingeführt werden” aus dem Online-Kurs “Argumentieren – Überzeugen – Durchsetzen” an:

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3 Regeln beim Argumentieren anhand des 3-B-Schemas

1. Fragen Sie immer weiter: WARUM?

Wenn Sie ein Argument entwickeln, fragen Sie: Warum ist meine Aussage wahr? Und wenn Sie eine Begründung gefunden haben, fragen Sie weiter: Warum ist das, was ich sage, wahr? Selbst dann, wenn ein Sachverhalt für Sie vollkommen intuitiv klingt, fragen Sie: Warum kann ich das behaupten?

Zum Beispiel: Viele Menschen finden Bar Refaeli schön. Warum finden viele Menschen Bar Refaeli schön? Weil Ihr Körper bestimmte Proportionen hat – symmetrisch und ästhetisch. Warum finden Menschen symmetrische Proportionen schön? Weil diese Proportionen auf einen besonders gesunden Körperbau hinweisen. Warum ist ein gesunder Körperbau begehrenswert? Weil für unsere Vorfahren, vor vielen tausenden von Jahren, ein gesunder Körperbau eine bessere Überlebenschance bedeutet hat. usw …

2. Gehen Sie in möglichst kleinen logischen Schritten voran

Darüber stolpern die meisten Anfänger in ihrer Argumentation: Sie überspringen einen logischen Schritt. Anstatt jeden einzelnen Zusammenhang zu erklären, sagen sie sich: Das ist doch wohl jedem klar. Diese Lücken in der Warum-Kette werden dann automatisch zu Schwachstellen in einem Argument. Achten Sie deshalb bewusst darauf, Ihre Argumentation aus möglichst kleinen logischen Schritten aufzubauen.

Sie erklären beispielsweise: Bar Refaeli ist schön, weil ihr Körper besonders symmetrisch ist und Symmetrie seit der Steinzeit als begehrenswert gilt.

Dabei merken Sie sofort, dass Ihre Argumentation nicht ganz schlüssig ist. Ein Zuhörer könnte sich berechtigterweise fragen: Warum gilt Symmetrie seit der Steinzeit als begehrenswert? Aus diesem Grund ist die kurze Erläuterung ausschlaggebend, dass Symmetrie des Körperbaus auf physische Gesundheit hinweist.

3. Finden Sie eine gemeinsame Basis

Viele Teilenehmer stellen im Argumentations-Training dieselbe Frage: Und wie lange soll ich Warum fragen?

Die Faustregel: Führen Sie die Begründung fort, bis Sie auf einem Grund angelangt sind, auf sich alle im Anwesenden einigen können. Das ist erst dann der Fall, wenn es kein Warum mehr gibt. Am Ende der Warum-Kette steht dann eine Begründung, die niemand mehr anfechten kann: ein Konsens.

So erkennen Sie Schwachpunkte in Argumenten

Noch mal zur Wiederholung: Ein schlagkräftiges Argument besteht aus einer engmaschigen Kette logischer Schlussfolgerungen, die auf eine unbestreitbare Grundannahme hinführen.

Mit folgenden drei Einwänden können Sie einem Argument auf den Zahn fühlen:

1. Der beschriebene Sachverhalt oder Zusammenhang existiert überhaupt nicht.

Für unser erstes Beispiel könnte man einwenden:

“Man kann die Schönheit eines Menschen nicht einstufen, weil jeder Mensch auf seine Weise einzigartig ist.”

Auf welchen Schwachpunkt zielt dieser Einwand ab? Ganz einfach: Ich habe mit meiner Argumentation keine Grundannahme erreicht, auf die sich alle Anwesenden einigen können. Ich konnte nicht erklären, dass die Existenz evolutionär entstandener Präferenzen für bestimmte Erscheinungsmuster Grund genug ist, Menschen als „schön“ zu klassifizieren.

2. Die zentralen Konzepte sind falsch definiert.

Für unser Beispiel:

“Schönheit existiert, basiert aber nicht auf Körpermerkmalen, schon gar nicht auf evolutionär entstandenen Präferenzen, sondern auf anderen Faktoren.”

Das weißt auf folgenden Schwachpunkt hin: Ich habe alternative Erklärungen für meine Behauptung außer Acht gelassen. Ich konnte nicht beweisen, dass evolutionäre Präferenzen für Gesundheit der einzige und beste Maßstab ist, einen Menschen als „schön“ zu bezeichnen.

3. Der beschriebene Sachverhalt oder Zusammenhang existiert, aber er kann anders erklärt werden.

Für unser Beispiel:

“Mag sein, dass es evolutionär entstandene Präferenzen für gesunde Körpermerkmale gibt. Auch möglich, dass man diese Merkmale als „schön“ bezeichnet. Das heißt aber noch lange nicht, dass Bar Refaeli diese Gesundheitsmerkmale besitzt.”

Der Schwachpunkt: Ich habe Lücken in meiner Warum-Kette. Ich konnte nicht zusammenhängend begründen, dass Bar Refaeli symmetrische Körpermerkmale besitzt und, dass das wiederum auf Gesundheit rückschließen lässt.

Königsdisziplin: Nuancieren

Die wichtigste Lektion beim Argumentieren: Nichts ist schwarz-weiß. Keine Behauptung ist zu 100% wahr oder zu 100% falsch. Also versuchen Sie es gar nicht erst, absolute Aussagen zu treffen. Viel überzeugender ist es ohnehin, das Für und Wider abzuwägen, Bestätigungen und Widersprüche aufzuzeigen und dann zu erklären, warum erstgenannte überwiegen.

Nehmen wir an, Sie wollen beweisen, dass der Sommer besser ist, als der Winter. Natürlich gibt es gute Gründe, den Winter zu mögen, aber die Vorteile des Sommers überwiegen eben. Zeigen Sie, dass Ihre Behauptung mit einer größeren Wahrscheinlichkeit wahr ist, als jede alternative Aussage. Dafür gibt es 4 Strategien:

1. Erklären Sie, warum sich Menschen höchstwahrscheinlich so verhalten oder ein Ereignis höchstwahrscheinlich so eintrifft, wie Sie es vorhersagen.

Sie können zum Beispiel sagen, dass der Sommer gut für die Gesundheit der Menschen ist, weil Menschen höchstwahrscheinlich mehr Zeit im Freien verbringen. Das ist damit zu begründen, dass es draußen wärmer und angenehmer und es gleichzeitig länger hell ist. Draußen zu sein ist deshalb eher gesundheitsfördernd, weil es oft mit Bewegung verbunden ist, mit frischer Luft und Sonne. All das ist wichtig für unseren Körper.

2. Nehmen Sie an, dass Ihr Szenario eine vergleichsweise große Anzahl an Menschen betrifft – beispielsweise, dass Ihr Vorschlag möglichst vielen Menschen hilft.

Geben Sie doch zu, dass es vielleicht Menschen gibt, die im Sommer einen Sonnenbrand bekommen. Jedoch ist die Anzahl derer Menschen gering, im Vergleich zu all denen, die sich in vernünftigem Maße der Sonne aussetzen und davon profitieren.

3. Legen Sie dar, dass Ihre Behauptung die Betroffenen in einem vergleichsweise großen Maße betrifft – bespielweise, dass Ihr Vorschlag eine besonders starke positive Wirkung hat.

Vielleicht könnte man behaupten, dass Menschen im Winter mehr Zeit für ihre Arbeit haben, weil Sie weniger abgelenkt werden. Wenn Sie dann aber erklären, dass ein gesundes Ausgleichsprogramm die Produktivität der Menschen viel stärker begünstigt, als Zeit und Ruhe im Winter, gewinnen Sie auch diesen Punkt.

4. Vergleichen Sie direkt den möglichen Schaden mit den möglichen Gewinnen. Zeigen Sie, dass die Gewinne in Ihrem Fall überwiegen.

Vielleicht stimmt es, dass die Hitze im Sommer manchmal an manchen Tagen unangenehm ist und die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung einschränkt. Das nehmen wir jedoch in Kauf, solange am Großteil der Tage das wärmere Wetter eine Vielzahl an Freizeitaktivitäten erst möglich macht.

Worum geht es allso zusammengefasst beim Argumentieren? 

Zeigen Sie mit Hilfe von logischen Schlussfolgerungen, dass eine Behauptung mit einer möglichst großen Wahrscheinlichkeit wahr ist. Beachten Sie dabei, dass Ihre Begründung lückenlos ist, jeder logische Schritt erklärt wird und Sie am Ende eine Grundaussage erreichen, auf die sich alle Anwesenden einigen können.

Wer darüber hinaus mehr über die Kunst der Argumentation lernen möchte, dem sei der Online-Kurs „Argumentieren! Überzeugen! Durchsetzen!“ mit bereits über 2500 eingeschriebenen Teilnehmern empfohlen. Eine weitere Möglichkeit bietet der Podcast “MENSCHEN ÜBERZEUGEN mit Wlad Jachtchenko” – jetzt reinhören!

Autor: Johannes Stark

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