Wie wichtig ist Körpersprache wirklich? 55%? Der Albert Mehrabian-Mythos

Wie wichtig ist Körpersprache wirklich? 55%? Der Albert Mehrabian-Mythos

von Argumentorik, 25. Juni 2020

Transkription der Folge 72 aus dem Podcast “MENSCHEN ÜBERZEUGEN

Wir alle wissen, wie gute Körpersprache funktioniert und wie schlechte Körpersprache funktioniert. Ich nenne uns immer ganz gerne passive Körpersprache-Experten. Passiv deswegen, weil wir selber genau beobachten können, wo jemand nervös ist, was jemand hätte besser machen können mit seinen Händen, mit seiner Körperhaltung, usw. – aber alle diese Punkte nicht unbedingt selber aktiv umsetzen können, wenn wir auf der Bühne stehen.

Wenn wir Menschen überzeugen wollen, ist es sehr hilfreich, wenn unsere Körpersprache selbstbewusst wirkt. Aber was ist eine selbstbewusste Körpersprache?

Hinweis: Möchtest Du mehr darüber erfahren, wieso Du auf Deine Körpersprache achten solltest, dann schaue Dir die Video-Lektion “Warum ist Körpersprache so wichtig?” aus dem Online-Kurs “Körpersprache verbessern: 10 Geheimnisse und 10 Gebote” an:

ONLINE-KURS: “Körpersprache”: Jetzt erwerben!

Wie wichtig ist Körpersprache überhaupt? Der Mehrabian-Mythos

Macht es einen großen Teil des Überzeugungsprozesses aus, wenn man eine souveräne Körpersprache hat oder ist der Körper so eine Art Vehikel, mit dem wir unsere geistigen Ergüsse wiedergeben, aber in Wirklichkeit ist es gar nicht so wichtig, ob wir eine Geste machen oder nicht? Hier setzt der “Mehrabian-Mythos” an.

Mythos deshalb, weil es einen Forscher namens Albert Mehrabian gibt, der in den Sechzigern einige Experimente zum Thema Körpersprache und Stimme durchgeführt hat. Man hat seine Ergebnisse genommen, zusammengestellt und eine These gebildet, bei der sogar Albert die Haare zu Berge stehen. Und zwar hat man daraus die sogenannte “55-38-7-Formel” herausdestilliert. 55 Prozent Bedeutung der Körpersprache, 38 Prozent Bedeutung der Stimme und nur sieben Prozent Bedeutung des Inhalts!

Mehrabian selbst wehrt sich mit Händen und Füßen gegen diese unglaublich verrückte Regel. Das stimmt alles nicht, der Inhalt ist selbstverständlich das Wichtigste! Dass diese Rechnung nicht stimmt, kann man sehr leicht durch ein Gedankenexperiment nachvollziehen. Nach dieser Formel würden 93 Prozent nonverbal transportiert werden. Das bedeutet also, wenn wir kein Wort Chinesisch sprechen, können wir uns nach China begeben und dort einen Menschen anschauen, seiner Intonation der Stimme folgen und müssten 93 Prozent verstehen.

Das ist natürlich absoluter Blödsinn, denn wir würden gar nichts verstehen, es sei denn er zeigt uns irgendeine Richtung! Mehrabian ist Opfer dieser Forschung, denn diese Formel taucht weltweit in Rhetorik-Seminaren auf.

Ich möchte aber nicht behaupten, dass die Körpersprache gar keinen Einfluss hat. In einigen Situationen wird die Körpersprache sicherlich eine wichtigere Bedeutung spielen, beispielsweise in einer Präsentation vor Publikum und vor Kunden. Aber auf jeden Fall keine 55 Prozent, denn irgendwann will auch der oberflächliche Kunde wissen, was er gewinnt.

Worauf solltest Du bei der Körpersprache in einer Präsentation achten?

Es sind eigentlich nur drei Punkte und wenn Du die beachtest, dann bist Du schon einmal besser als 90 Prozent der Präsentatoren.

Nr. 1: Blickkontakt

Blickkontakt bedeutet, dass Du alle Teilnehmer anschaust – mit einem möglichst ruhigen Blick! Bitte nicht flüchtig hin- und herspringen und nach 0,2 Sekunden zum Nächsten schauen, sondern wirklich eine Person ein bis drei Sekunden anschauen und langsam mit dem Blick weiterwandern.

Das klingt so selbstverständlich, in Wirklichkeit aber haben über 80 Prozent meiner Seminarteilnehmer Probleme damit, Blickkontakt zum Publikum zu halten, denn meist schauen wir nach oben, unten oder zur Seite und das wirkt nicht souverän. Das Publikum wird unsere Kompetenz anzweifeln.

Durch einen flüchtigen Blickkontakt können wir natürlich auch kein Vertrauen aufbauen, denn das setzt etwas Ruhe voraus! Und wenn wir nicht auf unser Publikum schauen, dann können wir schließlich nicht genau beobachten, wie seine Reaktion auf das Gesagte ist. Kommt der Inhalt wirklich beim Publikum an?

Nr. 2: Bewegung im Raum

Ich sage meinen Teilnehmern immer, wenn sie einen Vortrag halten, sollten sie nicht wie angewurzelt an einer Stelle stehen, sondern sich ein bisschen im Raum bewegen. Das heißt also: Konstant in Bewegung bleiben – so wie wir das auch in der echten Welt machen, wenn wir unseren Freunden etwas erzählen. Das strahlt auf jeden Fall Souveränität und Flexibilität aus!

Nr. 3: Gestik

Wenn ich mit meinen Händen den Inhalt veranschaulichte, wirkt es souverän. Wenn ich meine Hände jedoch hinter dem Rücken verstecke, in die Hosentaschen tue oder sie einfach vorm Bauchnabel festhalte, wirkt das sehr angespannt. Mache ruhige, gleichmäßige Bewegungen – klare Gesten. Das ist das, was das Publikum mag!

Wie bekommst Du das umgesetzt? Die Smartphone-Challenge

Durch ein autogenes Training. Das heißt, Du trainierst selbst mit Dir – ich nenne das die “Smartphone-Challenge“. Nimm eine zweiminütige Rede von Dir mit dem Handy auf, bei der Du Deinen gesamten Körper siehst. Hier ist der Inhalt tatsächlich überhaupt nicht entscheidend.

Passe auf, ob Du wirklich immer in die Kamera schaust! Achte darauf, dass Du ein bisschen – zumindest den halben Schritt nach links und nach rechts, nach vorne und zurück – gehst, so dass ein wenig Bewegung und Flexibilität in Deinem Vortrag ist. Bei der Gestik ist es wichtig, dass Du die Hände irgendwo im aktiven Bereich – das heißt in der Bauchregion – hältst und hin und wieder einmal ein paar Gesten machst.

Nach meiner Erfahrung braucht man ein paar Mal, um die drei Punkte zu trainieren – vielleicht fünf bis zehn Wiederholungen.

Tipp: Schalte die Geräusche aus! Mache die Aufnahme tonlos, dann kannst Du Dich viel besser auf die Körpersprache konzentrieren! Denn durch ein klares Bewusstsein können wir Dinge, an denen wir arbeiten, viel schneller verbessern. Viel Erfolg!

Autor: Wladislaw Jachtchenko

44 Rhetorik-Tipps E-Book | Argumentorik
Kostenfreies E-Book