Können wir unserer Intuition trauen?

von Argumentorik, 12. September 2017

Was spürt mein sechster Sinn? Was sagt meine innere Stimme? Was ist Intuition?
Manchen Menschen sind diese Fragen heilig, anderen bereits unangenehm esoterisch. Dabei sind sich viele gar nicht einig, was Intuition eigentlich ist. Eine weitverbreitete Trendliteratur sorgt für die Mystifizierung dieses Konzepts. Durchaus phantasievoll wird die Intuition zum in uns wirkenden, geheimnisvollen Ratgeber ausgeschmückt, auf den man sich in jeder Lebenslage verlassen soll. Aber stimmt das überhaupt? Ist unsere Intuition als weiser Ratgeber zu gebrauchen? Ist unsere Intuition verlässlich?

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir zunächst klären, wie Intuition eigentlich funktioniert. Intuition heißt nach der psychologischen Definition: Ich bewerte eine Situation unbewusst und ultraschnell auf Basis meiner Vorerfahrung und kann sofort reagieren. Das passiert beispielsweise, wenn Sie einen fremden Menschen sehen und sich augenblicklich ein Urteil über ihn bilden. Er ist freundlich oder feindselig. Sie können ihm vertrauen oder sollten ihn meiden.

Der Mechanismus dahinter ist einfach: Für intuitive Erkenntnisse beschränkt sich unsere Wahrnehmung auf wenige bestimmte Informationen. Alles andere wird vernachlässigt. Gesichtsausdruck, Verhalten und Äußeres wird grob gescannt. Diese Informationen im Fokus werden dann unwillkürlich mit sogenannten Heuristiken vergleichen, also gedanklichen Faustregeln, die wir durch Erfahrung gelernt haben. Zum Beispiel: Ihr Gegenüber hat eine Brille. Sie kennen viele Akademiker, die eine Brille tragen. Intuitiv nehmen Sie an, dass der Brillen-Typ vor Ihnen Akademiker ist. Dazu brauchen Sie nicht einmal mit ihm zu reden.

Im Grunde ist das eine geniale Funktion unseres Gehirns: Situationen anhand minimaler Info quasi automatisch zu beurteilen. Es gibt jedoch auch kritische Fragen: Hat unsere Intuition genügend Information gesammelt oder verurteilt sie vorschnell? Hat sie überhaupt die relevante Information entdeckt oder lässt sie sich täuschen?

Wenn ich Sie jetzt beispielsweise frage, ob der erwähnte Brillen-Typ eher Bauerbeiter oder Philosophiestudent ist, würden Sie vielleicht intuitiv auf den Philosophiestudenten tippen. Klar, wegen Akademiker und Brillen und so. Dabei übersehen Sie aber die Tatsache, dass es weit mehr Bauarbeiter als Philosophiestudenten gibt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei besagter Person also um einen Bauarbeiter handelt, ist viel höher. Somit wäre die mit größerer Wahrscheinlichkeit richtige: Eher ist er ein Bauarbeiter.

Der Nobelpreisträger und Psychologe Daniel Kahnemann beschäftigt sich wissenschaftlich mit Intuition, die er als „schnelles System“ im Vergleich zum „langsamen System“ des Verstandes bezeichnet. Er nimmt an, dass Menschen anhand weniger Informationen vorschnelle Urteile treffen. Intuitiv beachten Menschen immer jene Information, die am leichtesten zugänglich ist. Damit sind Fehleinschätzungen vorprogrammiert.

Zwei Beispiele sind der Halo-Effekt und das Anchoring. Der Halo-Effekt besagt, dass wir Menschen, die eine bestimmte positive Eigenschaft haben, vorschnell weitere positive Eigenschaften zuschreiben. So halten wir gutaussehende Menschen automatisch für sympathischer und intelligenter.

Anchoring bezeichnet den Umstand, dass wir uns beim Schätzen von Zahlen unbewusst an anderen Zahlen orientieren. Sollten Sie beispielsweise die Einwohnerzahl Bayerns schätzen, kommen Sie tendenziell auf ein höheres Ergebnis, wenn Sie zuvor die Einwohnerzahl Europas gehört haben, als wenn Sie über die Einwohnerzahl von Augsburg informiert wurden.

Anhand dieser und vieler weiterer klassischer Fehleinschätzungen wird deutlich, dass Sie intuitive Eingebungen im Zweifelsfall lieber analytisch reflektieren sollten – zumindest vor wichtigen Entscheidungen.

Zusammenfassend kann man über die Intuition sagen:
Sie ist wichtig für das Überleben, weil wir durch sie in vielen Situationen eine direkte Reaktion parat haben.
Sie ist aber gleichzeitig nicht fehlerfrei und sollte deshalb reflektiert werden.

Möchten Sie weitere interessante kongintive Verzerrungen, d.h. Fehlinterpretationen und Fehlwahrnehmungen des Gehirns wie den Halo-Effekt oder das Anchoring kennenlernen? Dann empfehlen wir Ihnen ein paar Video-Lektionen unseres Online-Kurses zur Schwarzen Rhetorik – Manipulation durch Sprache zu absolvieren! Sie werden erstaunt sein, auf welche vielfältige Art und Weise wir uns täglich selber manipulieren!!

Autor: Johannes Stark


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