Was ist Empathie wirklich?

von Argumentorik, 18. Juli 2017

Mal wird Empathie als eine Führungskompetenz betrachtet. Mal als ein zentraler Faktor moderner Unternehmenskultur. Empathie scheint das Wundermittel in jeder Beziehung zu sein. Doch was ist Empathie wirklich?

Die meisten Menschen denken, Empathie sei eine Äußerung gegenüber einem Mitmenschen – vielleicht „ich habe Mitleid mit dir“ oder „ich freue mich für dich“, welche auf Mitgefühl basiert. In Wirklichkeit ist diese Reaktion nur der zweite Schritt.

Grundlegend für Empathie ist zunächst die Wahrnehmung von Emotionen – zu fühlen, was der andere fühlt. Den Ärger, die Freude oder die Angst des Gegenübers zu erforschen, das ist Empathie. Erst wenn die Emotion erkannt und gedeutet wurde, kann die nächste Stufe folgen: Diese Empfindung in Worte zu fassen und zu spiegeln.

Warum ist diese Unterscheidung so wichtig? Angenommen ein Bekannter erzählt Ihnen etwas, was ihn sehr zu beschäftigen scheint. Sie hören, was der Bekannte sagt, und wollen etwas erwidern. Aber überstürzen Sie nichts! Haben Sie sich Zeit genommen, wahrzunehmen, was in Ihrem Bekannten tatsächlich vorgeht?

Wenn Sie diese Wahrnehmung vernachlässigen, fehlt Ihnen die entscheidende Information. Sie können nicht zu 100% treffend auf Ihr Gegenüber eingehen. Ihre Reaktion wirkt dann floskelhaft: Sie geben platte Ratschläge. Sie ermutigen und trösten emotionslos. Oder Sie heucheln Mitleid.

Höchstwahrscheinlich bleiben Sie auch in Ihrem Egofokus gefangen: Sie belehren den anderen, argumentieren für oder gegen ihn oder erzählen ihm Anekdoten über eigene Erfahrungen.

Mit dieser „falschen“ Empathie machen Sie, wenn Sie Glück haben, einen freundlichen Eindruck. Auf lange Sicht fühlt sich Ihr Gegenüber jedoch niemals wirklich verstanden und wird Ihnen wahrscheinlich auch kein Vertrauen schenken.

Wie erkennen Sie also die wahre Emotion und wie gehen Sie mit diesen um?

Beachten Sie drei Schritte: Gefühl. Auslöser. Bedürfnis.

1. Vom Gefühl zum Auslöser

Wenn Menschen über Ihre Gefühle reden, reden Sie meistens von allem anderen, nur nicht von Ihren Gefühlen. Ein Beispiel: Ein Kollege in Ihrem Team ärgert sich über eine Entscheidung des Managements. Er äußert jedoch nicht das Gefühl „Ärger“, sondern eine Bewertung („so ein Schwachsinn“) oder eine Interpretation („die wollen doch nur wieder uns die Schuld geben“). Fallen Sie nicht darauf herein!

Es gibt gerade mal 6 wichtige Basisemotionen: Furcht, Ärger, Überraschung, Freude, Trauer und Ekel. Mindestens eine aus dieser Auswahl muss es sein, die Ihren Kollegen bewegt. Sie müssen diese Emotion aufspüren.

Psychologischen Theorien zufolge nach kann jeder Mensch schon an der Mimik die Emotion eines anderen Menschen ablesen. Und auch wenn Emotionen manchmal diffus sind und in Kombination auftreten, können Sie mit ein bisschen Übung und Achtsamkeit in den allermeisten Fällen die relevante Emotion im Gegenüber erkennen.

Wenn Ihnen das gelingt, beachten Sie: Emotionen sind Reaktionen. Jede Emotion hat einen Auslöser. Fragen Sie sich: Was hat den anderen so ärgerlich, ängstlich oder traurig gemacht? Was ist der Grund für diese Emotion?

Fragen Sie ruhig nach, wenn Sie sich nicht sicher sind. Sie merken sofort, wenn Sie richtigliegen. Wenn Sie den zugrundeliegenden Auslöser nennen, wird Ihr Gegenüber die Emotion in der Regel noch deutlicher zeigen.

2. Vom Auslöser zum Bedürfnis

Sie kennen Emotion und Auslöser. Eine Erkenntnis fehlt Ihnen noch, um Ihr Gegenüber wirklich zu verstehen: Welches Bedürfnis wurde verletzt?

Das psychologische Prinzip der gewaltfreien Kommunikation geht davon aus, dass negative Emotionen auf verletzte Bedürfnisse zurückzuführen sind. Diese verletzten Bedürfnisse zu erkennen, sie nachvollziehen und ausdrücken zu können – das ist Empathie.

Versetzen Sie sich zum Beispiel in Ihren wütenden Kollegen. Wurde sein Bedürfnis nach Wertschätzung verletzt? Ist er in seinem Bedürfnis nach Autonomie eingeschränkt? Wird sein Bedürfnis, ernst genommen zu werden, nicht erfüllt? Dieser Perspektivenwechsel ist essentiell.

Sie erkennen, was Ihrem Gegenüber wirklich am Herzen liegt. Wenn Sie wollen, können Sie das jetzt ausdrücken. Machen Sie‘s aber nicht zu kompliziert. Sagen Sie: „Ich verstehe, dass du [wütend bist/Angst hast/…], weil dein Bedürfnis nach [Wertschätzung/Autonomie/Respekt/…] verletzt ist.“

Wenn Ihnen das zu sperrig ist, drücken Sie es anders aus. Selbst wenn Sie gar nichts sagen, sind Sie empathisch. Sie wissen, wie sich Ihr Gegenüber fühlt. Sie werden anders mit Ihm umgehen. Er wiederum wird Ihr Mitgefühl wahrnehmen.

Indem Sie also die Emotion des Gegenübers erforschen und seine verletzten Bedürfnisse erkennen, können Sie ihn verstehen. Es wird Ihnen dann nicht mehr schwerfallen, adäquat zu reagieren.

Um empathisch zu sein, hilft es enorm, die Körpersprache lesen zu lernen. Schauen Sie sich dazu unseren beliebten Online-Kurs “Körpersprache verbessern: 10 Geheimnisse und 10 Gebote” inklusive 18 praktischen Übungen an – es lohnt sich!

Autor: Johannes Stark


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