Charisma – verdrehen Sie Ihren Mitmenschen die Augen, nicht Ihre eigenen.

von Argumentorik, 4. April 2018

Niemand hätte mir sagen müssen, dass das unser Teamleiter ist. Ich erkannte es, in dem Augenblick, als er den Raum betrat. Die Anwesenden hörten auf zu reden. Die gesamte Aufmerksamkeit lag auf dem Eintretenden. Dieser blickte lächelnd in die Runde, schenkte jedem einzelnen einen kurzen Blickkontakt und setzte sich. Für einen Moment herrschte absolute Stille. Dann sagte der Teamleiter mit ruhiger, deutlicher Stimme: „Sie dürfen gern anfangen.“

Die Mitglieder unseres Therapeutenteams begannen der Reihe nach von ihren Patienten zu berichten. Bald schon kam ein unklarer Fall zur Sprache. Der Vortragende wurde von einem Kollegen unterbrochen und eine Diskussion entfachte. Immer mehr Anwesende mischten sich ein und redeten durcheinander.

Der Teamleiter sagte nichts. Er hatte sich etwas zurückgelehnt und hörte aufmerksam zu. Mit konzentriertem Blick verfolgte er das Geschehen.

Dann plötzlich richtete er sich auf und noch ehe er etwas sagte, wurde es wieder still im Raum. Unser Teamleiter hatte die gesamte Aufmerksamkeit wieder auf sich gezogen.

Sie bemerken,“ hob er an, „dieser Fall scheint uns alle sehr aufzuwühlen.“ Er schwieg für einen Atemzug und ließ seinen Blick langsam durch die Runde schweifen. „Was glauben Sie, woher kommt diese Unruhe?“

In diesem Erlebnis wird das Mysterium charismatischer Menschen deutlich: Sie haben auf ihre Mitmenschen eine besondere Wirkung. Gleichzeitig fällt es den meisten Menschen schwer, diese Wirkung genauer zu erklären.

Ich lade Sie auf eine Spurensuche ein: Was bedeutet Charisma eigentlich? Können Sie lernen, charismatischer aufzutreten? Wie charismatisch wirken Sie überhaupt?


Was bedeutet Charisma?

Charisma ist ein sehr alter Begriff. Es lässt sich bereits im neuen Testament der Bibel finden – das griechische Wort für „Gnadengabe“ oder „Geschenk Gottes“.

Charisma als Führungskompetenz

Im deutschen Sprachgebrauch tauchte Charisma erst im frühen 20. Jahrhundert auf. Max Weber erwähnt in seinem Werk über verschiedene Herrschaftstypen den charismatischen Herrscher. Dieser besitze “eine als außeralltäglich […] geltende Qualität einer Persönlichkeit […], um derentwillen er als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem andern zugänglichen Kräften oder Eigenschaften [begabt] oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als ‘Führer’ gewertet [wird]“.

Max Weber zu Folge, hat ein charismatischer Mensch also Potenzial zu einer außergewöhnlichen Führungspersönlichkeit.

100 Jahre später belegen Studien aus den USA tatsächlich, dass Angestellte eines charismatischen Chefs zufriedener, motivierter und leistungsfähiger sind. Aus der Idee des charismatischen Anführers hat sich inzwischen ein populäres Managementmodell entwickelt: Der transformationale Führungsstil.

Als transformationale Führungskraft wirken Sie, sobald Sie 4 Verhaltensweisen zeigen:

1. Schenken Sie Ihren Mitarbeitern individuelle Aufmerksamkeit.

2. Regen Sie zu selbstständigem Denken an.

3. Inspirieren Sie Ihre Mitarbeiter mit einer Vision.

4. Agieren Sie selbst als Vorbild für Ihre Mitarbeiter.

Es ist unbestreitbar, dass charismatische Führungskräfte, wie Steve Jobs und Elon Musk besagte 4 Regeln befolgen. Eine Frage ist offen: Welche Eigenschaft ist tatsächlich entscheidend für deren charismatische Wirkung?

Charisma – das Spiel mit den Emotionen

Laut Richard Wiseman, Psychologe an der Uni Hertfordshire, verfügt eine charismatische Person über drei Eigenschaften:

  • Sie empfindet Emotionen außerordentlich intensiv.
  • Sie kann andere Menschen starke Gefühle erleben lassen.
  • Sie ist resistent gegenüber Einflüssen anderer charismatischer Menschen.

Wir können annehmen, dass charismatische Menschen bestimmte Emotionen besonders überzeugend ausdrücken können – ihren Enthusiasmus, ihre Wut, ihre Leidenschaft.

Dieser Ausdruck von Gefühlen wirkt ansteckend. Der Funke springt über – vor Allem dadurch, dass charismatische Menschen in Ihrem Gefühlsausdruck sehr authentisch sind. Sie stehen zu 100% hinter dem, was sie sagen.

Für den amerikanischen Ökologen Jerry Wofford ist der Zusammenhang klar: Eine charismatische Person begeistert ihre Mitmenschen, indem sie eine Vision vermittelt, von der sie selbst voll und ganz überzeugt ist. Das mag jetzt klingen, als sei Charisma nur etwas für große Persönlichkeiten mit großen Plänen, wie ein Martin Luther King oder eine Prinzessin Diana.

Ich behaupte: Jeder Mensch, der über sich selbst hinauswachsen und etwas in dieser Welt verändern will, hat eine Vision. Auch Sie!

Fragen Sie sich einmal:

  • Wofür stehen Sie jeden Morgen auf?
  • Welche Überzeugung hilft Ihnen, in schwierigen Situationen nicht aufzugeben?

Sobald Sie sich dieser Überzeugung bewusst werden, haben Sie eine Vision – eine Quelle von Enthusiasmus, mit dem Sie charismatisch wirken können.

Können Sie Charisma lernen?

Charismatische Menschen zeigen zwei Verhaltensmuster: (1) Sie treten sehr selbstbewusst auf und (2) gehen stark auf ihr Gegenüber ein.


(1) So wirken Sie selbstbewusst

Sie haben natürlich Recht, wenn Sie sagen, Ihr Selbstbewusstsein sei ein Produkt langjähriger Erfahrungen und fundamentaler Glaubenssätze. Selbstbewusstsein aufzubauen ist ein langwieriger Prozess. Deutlich leichter ist es hingegen, bestimmte Verhaltensweisen zu lernen, um selbstbewusster zu wirken – und nebenbei steigert selbstbewusstes Verhalten auch Ihr tatsächliches Selbstvertrauen nachweislich. Ja, Sie haben richtig gehört: Sie tun so, als seien Sie selbstbewusst und überzeugen damit nicht nur andere, sondern auch sich selbst!

Achtung! Viele Menschen machen an dieser Stelle einen Fehler: Um selbstbewusster zu wirken, versuchen viele Menschen vor Allem darauf zu achten, was sie sagen – lernen coole Sprüche auswendig, usw.

Dabei ist der Inhalt Ihrer Worte zweitrangig im Vergleich zu der Wirkung einer selbstbewussten Körperhaltung, Mimik und Stimme. Charisma beginnt auf der non-verbalen Ebene. Um solche selbstbewussten Verhaltensweisen zu lernen, nehmen Sie sich am besten einige außerordentlich selbstbewusste Bekannte zum Vorbild. Erforschen Sie deren non-verbale Signale: Die aufrechte Haltung, der Blickkontakt, das freundliche Lächeln, eine ruhige und deutliche Aussprache. Lernen Sie von selbstbewussten Menschen.


(2) So gehen Sie auf Ihr Gegenüber ein

Das besondere an einem charismatischen Menschen ist, dass er es schafft, nicht nur selbstbewusst, sondern gleichzeitig auch unheimlich nahbar und vertrauenswürdig zu wirken. Das gelingt ihm, indem er stark auf sein Gegenüber eingeht.

Achtung! Viele Menschen machen auch hier den Fehler, die meiste Aufmerksamkeit darauf zu legen, was sie selbst sagen – z.B. etwas möglichst Schlaues zu erwidern oder eine möglichst tiefsinnige Frage zu stellen.

Geradezu banal klingt, was ich Ihnen stattdessen rate: Lernen Sie, zuzuhören.

Ihre Aufmerksamkeit ist das größte Geschenk, was Sie einem Menschen machen können. Unglücklicherweise tun wir oft alles andere, als aufmerksam zuzuhören: Wir bewerten, wir geben Ratschläge, wir interpretieren und wir forschen nach. Zusammengefasst: Wir sind viel zu beschäftigt mit uns selbst, um den anderen wahrzunehmen. Das spürt dieser natürlich.

Stattdessen gibt es folgende 3 Tugenden des Zuhörens:

a. Seien Sie aufmerksam:

Seien Sie ruhig und fokussieren sich auf Ihr Gegenüber. Nehmen Sie dabei aufmerksam wahr, was Ihr Gegenüber sagt und, wie er sich verhält. Achten Sie besonders auch auf non-verbale Signale, wie die Körperhaltung, Mimik und Stimme.

b. Seien Sie offen:

Nehmen Sie auf, was Ihr Gegenüber erzählt, ohne zu interpretieren oder zu bewerten. Zeigen Sie Offenheit auch in Ihrer Körpersprache: Wenden Sie sich Ihrem Gegenüber zu und halten Sie Blickkontakt.

c. Reagieren Sie auf Ihr Gegenüber:

Zeigen Sie ehrliches Interesse, indem Sie Zustimmung und Verständnis ausdrücken. Interagieren Sie mit Ihrem Gegenüber, indem Sie neugierig Fragen stellen.

Wie charismatisch sind Sie?

Folgender Test wurde von Forschern der Uni in Toronto unter der Leitung von Konstantin O. Tskhay entwickelt. Er funktioniert folgendermaßen: Schätzen Sie ein, in wieweit folgende 6 Aussagen auf Sie zutreffen. Geben Sie für jede Aussage eine Wertung ab von 1 (trifft überhaupt nicht zu), 2 (trifft eher nicht zu), 3 (teils teils), 4 (trifft eher zu) und 5 (trifft voll und ganz zu). Zählen Sie Ihre Punkte zusammen.

Ich bin jemand, der …

  • in jedem Raum Präsenz hat.
  • Menschen beeinflussen kann.
  • eine Gruppe leiten kann.
  • Menschen ein gutes Gefühl geben kann.
  • andere Menschen oft anlächelt.
  • mit jedem gut zurecht kommt.

Tskhay zu Folge haben Sie mit einer Gesamtpunktzahl von 23 und höher mit großer Wahrscheinlichkeit eine charismatische Wirkung auf Ihre Mitmenschen.

Zusammengefasst: 4 Dinge, die Sie jetzt tun können.

1. Fragen Sie sich: Wofür stehen Sie? Welche Vision, wollen Sie vermitteln?

2. Nehmen Sie sich mindestens 2 selbstbewusste Menschen aus Ihrem Bekanntenkreis zum Vorbild, analysieren Sie deren Verhalten und legen Sie für sich fest, welche Verhaltensweisen Sie für sich selbst übernehmen wollen.

3. Schenken Sie Ihren Mitmenschen bewusst Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Trainieren Sie es, aufmerksam zuzuhören.

4. Lernen Sie, auch die emotionalen Signale Ihres Gegenübers wahrzunehmen und zu beantworten.

Wer darüber hinaus mehr über professionelle Körpersprache und damit über professionelles Auftreten erfahren möchte, dem sei der Online-Kurs „Körpersprache verbessern“ mit bereits über 2000 eingeschriebenen Teilnehmern empfohlen!

Autor: Johannes Stark


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